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Technik bietet sich ja bekanntermaßen besonders dafür an, einer leicht irrationalen Faszination zu erliegen und die Dinge einfach nur wegen ihrer unglaublichen Möglichkeiten und Funktionen zu bestaunen – die Frage nach der tatsächlichen Nützlichkeit und Praktikabilität eines neuen Gadgets verschwimmt nicht selten in freudentränendurchnässten Funkelaugen. Im Bereich der Kunst kennt man die Redewendung des L’art pour l’art – der Kunst um der Kunst Willen, ohne eigentlichen praktischen Zweck. Nun ist aber das Smartphone, so wie wir es hier einordnen wollen, keine Kunst. Vielleicht ist das, was man damit kreiert Kunst, aber nicht das Gerät selber. Das Gerät ist vielmehr das Werkzeug, um etwas zu erschaffen (Kunst wäre eine Möglichkeit), und ein Werkzeug – darüber werden wir uns wohl leichter einig als beim Thema Kunstwerk – sollte dann doch irgendwie einen bestimmten Zweck erfüllen. Zudem darf die Frage angeschlossen werden, welchen Mehrwert ein neues Werkzeug gegenüber älteren, bereits existierenden hat. Und hier geht es dann auch schon konkret ans Eingemachte: Was für Vorteile bietet die Medienproduktion mit Smartphones und Tablets im Vergleich mit traditionelleren Gerätschaften wie dezidierten Aufnahme- und Bearbeitungsgeräten (Videokameras, Fotoapparate, Audiorekorder, Schnitt-PC etc.)? Und – das sollte ebenfalls Erwähnung finden – wo liegen die Schwachstellen? Eine hilfreiche Maxime in diesem Gebiet ist auf jeden Fall, dass man idealerweise immer das richtige Werkzeug für den entsprechenden Job hat – und das kann von Fall zu Fall variieren. Das Smartphone ist in vielerlei Hinsicht eine Art “digitales Schweizer Taschenmesser”, welches Unmengen an nützlichen Funktionen in sich vereint – aber ob ein Taschenmesser das beste Werkzeug dafür ist, die größte und gewaltigste Eiche im Wald zu fällen, mag eher bezweifelt werden. Monty Python würde es aber wohl sogar mit einem Hering schaffen. Ein Pro & Contra in zwei Teilen.

Thumbs-Up-Circle

PRO – Was spricht für die Medienproduktion mit Smartphones und Tablets?

1. Mobilität
Der naheliegenste Vorteil eines Smartphones dürfte mit Sicherheit seine geringe Größe und allgegenwärtige Verfügbarkeit sein. Es ist klein und die meisten tragen es ständig bei sich. Man muss also keine Kameratasche mit sich herumschleppen. Besonders bei spontanen Ideen oder unvorhergesehenen Ereignissen und Situationen kann man schnell reagieren ohne sich erst woanders Equipment besorgen zu müssen. In diesem Sinne bietet sich das Smartphone natürlich gerade für Journalisten/Reporter an.

2. Vereinfachter & schnellerer Workflow
Während der Mobilitätsfaktor sicher von großer Bedeutung ist, halte ich einen anderen Punkt für noch faszinierender: Zum ersten Mal in der Geschichte gibt es ein Multimedia-Gerät, welches die verschiedenen Stationen eines kompletten Produktionsprozesses alle in sich vereint: Planung – Dreh/Aufnahme – Materialtransfer – Bearbeitung – Bereitstellung. Wenn man will, könnte man die Liste auch noch um den Bereich “Rezeption” erweitern, denn zunehmend werden Medieninhalte ja auf Smartphones konsumiert. “Planung” ist mit Sicherheit der weitläufigste Begriff in diesem Feld, weshalb ich nicht näher darauf eingehen werde, aber diverse Organisations-Apps (z.B. Evernote) oder einfach die Möglichkeit zur Recherche und Information via Internet (Wetter, Örtlichkeiten, Personen, Ereignisse etc.) können hier hilfreich sein. Dank integrierter Kamera und Mikrofon lassen sich mit dem Smartphone problemlos Video-/Foto-/Audioaufnahmen machen (die Qualität hängt natürlich vom jeweiligen Gerät ab). Im Gegensatz zum klassischen Workflow mit Kamera und Computer entfällt nun der Dateitransfer (wer noch mit Bändern gearbeitet hat, der weiß wie nerven- und zeitaufreibend das sein kann) und man hat mittels zahlreicher Apps die Möglichkeit, die Dateien (sei es Video, Foto, Audio) zu bearbeiten und einen Beitrag zusammenzustellen. Da das Smartphone an das (mobile) Internet angeschlossen ist (also ein(e) connected device/connected camera darstellt), können fertige Beiträge auch gleich versendet oder auf der entsprechenden Publikationsplattform bereitgestellt werden. Mit der Einführung des 3G-Netzwerkes, bzw. dem jetzigen Übergang zu 4G/LTE steht auch eine ausreichend schnelle Mobilfunk-Infrastruktur zu Verfügung, um das unproblematische Versenden von AV-Mediendateien zu gewährleisten. Der gestraffte Workflow spart Zeit und Ressourcen, inbesondere im Nachrichtenbereich kann das von unschätzbarem Wert sein.

3. Multifunktionalität
Verschiedene Apps und Funktionen machen das Smartphone zu einer Art “digitalem Schweizer Taschenmesser”. Neben dem typischen Workflow eines AV-Beitrages wie unter Punkt 2 beschrieben, lässt sich das Gerät oftmals noch zu ganz anderen Zwecken verwenden: Als zusätzliche Lichtquelle mit der Taschenlampenfunktion, als Teleprompter mit einer Prompter-App, als separater Audiorekorder mit einem Ansteckmikro in der Hosentasche einer Person für besseren Ton, als Monitor für eine Action-Kamera, für Livestreaming etc. etc.

4. connected device – ein mit dem Netz verbundenes Gerät
Ein zentraler Vorteil gegenüber ‘normalen’ Kameras und anderen Aufnahmegeräten ist, wie weiter oben unter Punkt 2 schon erwähnt, die Verbindung mit dem Internet. Deshalb lassen sich nicht nur Dateien schnell von unterwegs verschicken, sondern man hat eben auch direkten Zugang zu den sozialen Netzwerken (in der Regel über speziell für die mobile Nutzung entwickelte Apps), die ja zunehmend als Veröffentlichungsplattform für Medieninhalte dienen.

5. Ausreichende Qualität
Mittlerweile kann so gut wie jede Smartphone-Kamera Video in HD (720p) oder FullHD (1080p) aufnehmen, selbst 4K ist schon bei einigen Modellen möglich. Auch Fotos und Audioaufnahmen können prinzipiell in einer Qualität gemacht werden, die “good enough” für viele Zwecke ist. “good enough” bedeutet, dass die Qualität ausreichend ist, obwohl man mit anderen Geräten (technisch gesehen) noch bessere Ergebnisse erzielen könnte, deren Qualitätszugewinn jedoch kaum wahrgenommen oder zumindest nicht als zwingend notwendig erachtet wird.

6. Diskretion
Nicht nur für einen selbst kann die kleine, unscheinbare Form und die allgemeine Vertrautheit mit dem Gerätetyp angenehm sein, auch ein Gesprächspartner fühlt sich unter Umständen wohler, wenn ihm keine große Kamera gegenübersteht. Möglicherweise bekommt man also auf diese Weise bessere und interessantere Aufnahmen zustande.

7. Erweiterungsmöglichkeiten durch Zubehör
Wie unter CONTRA noch zu lesen sein wird, geht mit einer Multifunktionalität im Allgemeinen auch eine eingeschränkte Funktionalität im Speziellen einher. In vielen Bereichen haben jedoch die Hersteller von Zubehör einige Lücken geschlossen oder zumindest verkleinert. Das vielleicht naheliegenste und meistgekaufteste Helferlein ist dabei eine Halterung, mit der sich das Smartphone auf einem handelsüblichen Stativ anbringen lässt, um unverwackelte Aufnahmen zu meistern oder sich selbst als Akteur vor die Kamera zu bringen, wenn kein separater Kameramann zu Hand ist. Daneben gibt es u.a. spezielle externe Mikrofone, bzw. Adapter, Objektive/Linsen, Stative, Halterungen und vieles mehr.

8. Spezielle Perspektiven
Nicht zu verachten ist schließlich noch die Aussicht auf ganz spezielle Kameraperspektiven, die sich aus der kompakten Form des Gerätes ergeben. Ein Smartphone lässt sich oftmals an Orten unter- oder anbringen, die anderen Kameras wegen ihrer Größe oder wegen ihres Gewichtes unzugänglich bleiben.

Demnächst: #3 Medienproduktion mit Smartphone & Tablet: CONTRA

 

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