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CONTRA – Was für Nachteile und Probleme kann es geben?

1. Kein optischer Zoom
Smartphones und Tablets können vieles, aber nicht alles. Ein zentraler Schwachpunkt gegenüber regulären (Video-)Kameras ist z.B. der fehlende optische Zoom, mit dem sich weit entfernte Motive näher heranbringen und schnelle/bequeme Einstellungswechsel vornehmen lassen. Kamera-Apps bieten mitunter einen digitalen Zoom an, dieser sollte jedoch im Normalfall nicht verwendet werden, da das Bild nur elektronisch vergrößert wird und die Bildqualität abnimmt. Samsung hat mit dem Galaxy S4 Zoom und dem K Zoom zwar zwei sehr interessante (von der Android-Software jedoch mittlerweile recht veraltete) Smartphones mit 10-fachem optischen Zoom auf den Markt gebracht, auch Asus hat mit dem ZenFone Zoom (3x) ein Experiment gewagt. Der Rest des Marktes muss jedoch (noch) ohne auskommen. Der Grund dafür ist recht simpel: Beim momentanen Stand der Technik würde ein optischer Zoom das Smartphone wesentlich dicker machen als es gerade en vogue ist. Für bestimmte Tätigkeiten ist der Zoom allerdings unablässig. So ist es z.B. bei der Aufzeichnung von Theaterstücken, Sportereignissen und anderen Events oft nicht möglich/gewünscht, für eine Nahaufnahme auf die Bühne oder das Spielfeld zu gehen. Doch auch wenn man die Möglichkeit hat, sich für Nahaufnahmen problemlos näher an ein Motiv zu begeben, ist der Zoom grundsätzlich eine bequemere und schnellere Lösung, was gerade für Journalisten, bei denen es oft auf Schnelligkeit ankommt, sehr von Vorteil sein kann. Aufgrund des fehlenden optischen Zooms muss man Personen mitunter auch sehr nah “auf die Pelle” rücken, um eine Nahaufnahme zu bekommen, was für diese unangenehm sein kann. Nun ist es zwar möglich, speziell für Smartphones entwickelte kleine Teleobjektive mittels einer Halterung vor die Smartphone-Linse zu bauen, dieses Prozedere ist aber nicht immer sehr praktikabel und funktioniert auch nicht mit allen Smartphones (gleich gut). Interessant ist jedoch ein neuer Ansatz mit zwei Kamera-Linsen in der Rückseite des Smartphones, die jeweils eine unterschiedliche Brennweite haben und damit als eine Art optischer Zoom dienen, wenn auch nur in sehr begrenztem Rahmen: Apples neues iPhone 7+ geht diesen Weg, ebenso Asus’ kommendes ZenFone 3 Zoom. Damit kann der Formfaktor des Handys flach gehalten werden, allerdings gibt es wegen der zwei Festbrennweiten (beim iPhone 7+ sind es 28 bzw. 56mm, also ein 2x Zoom) keine Zwischenwerte (also kein kontinuierliches Zoomen) und ein Zoom-Faktor von 2 ist auch nicht gerade weltbewegend.

2. Lichtempfindlichkeit des Sensors
Eine weitere Schwachstelle von Smartphone-Kameras ist die Lichtempfindlichkeit des Kamerasensors unter schlechten Lichtbedingungen. Während Smartphone-Kameras bei gutem Licht in vielen Fällen auf Augenhöhe mit dezidierten Kameras agieren können, tritt aufgrund des meistens relativ kleinen Sensors bei ungünstigen Lichtverhältnissen recht schnell ein unschönes Bildrauschen auf (vor allem, wenn die Kameraapp im Automatik-Modus läuft). Selbstverständlich gibt es aber auch hier zunehmend Fortschritte und ein Vorteil des oben angesprochenen fehlenden optischen Zooms ist immerhin, dass man kein Licht durch das Zoomen verliert. Die Technik von Zoom-Optiken bringt es nämlich in der Regel mit sich, dass man im Telebereich zunehmend Blendenstufen und damit Licht verliert.

3. Ergonomie
Wesentlich weniger gewichtig als die ersten beiden Punkte, aber in manchen Situation doch von Nachteil ist die Ergonomie eines Smartphones als Kamera. Während Videokameras oder (filmende) Fotoapparate prinzipiell so konzipiert sind, dass man sie gut und sicher in der Hand halten und bedienen kann, ist das bei Smartphones wegen des (durchaus verständlichen) Trends zu möglichst flachen und kompakten Designs sowie deren eigentlichen Zweck nicht wirklich der Fall. Zwar gibt es mittlerweile spezielle Smartphone-Rigs und Halterungen, die dem Smartphone im Handling wieder mehr Griffigkeit verleihen; auch macht sich diese Schwäche im Wesentlichen nur beim Filmen aus der Hand bemerkbar, weniger bei der Nutzung eines Stativs. Allerdings kann man noch über zwei weitere Punkte in Sachen Handling diskutieren: Der Touchscreen eines Smartphones ist zweifelsohne wegen seiner Vielseitigkeit bei der Darstellung eine geniale Sache, allerdings haben physikalische Knöpfe wie man sie an dezidierten Kameras vorfindet, durchaus ihre Vorteile, da man sie besser “blind” und mit kalten Fingern oder Handschuhen bedienen kann. Außerdem vertippt man sich auf einem Touchscreen oft leichter als bei echten Knöpfen – das kann im Eifer des Gefechts schon mal recht ärgerlich sein. Im Übrigen nutzen nur wenige Smartphone-Modelle und Apps die verbliebenen physikalischen Knöpfe bei der Aufnahme von Video. Zuletzt sei gesagt, dass es in bestimmten Situationen etwas hinderlich ist, dass der Bildschirm nicht von der Kamera entkoppelt ist, d.h. dass man den Bildschirm nicht unabhängig von der Kamera bewegen kann. Dies erweist sich dann als Mangel, wenn man Kameraeinstellungen nah am Boden oder über dem Kopf wählt.

4. Kein Sucher
Der interne Sucher (Englisch: Electronic View Finder oder EVF) einer Video- oder Fotokamera ist dann hilfreich, wenn man bei starker Sonneneinstrahlung filmt und die Helligkeit des äußeren Displays nicht dafür reicht, die Belichtung zuverlässig zu beurteilen. Smartphones verfügen (aus wohl verständlichen Gründen) nicht über einen Sucher, der vom Umgebungslicht abgeschirmt ist. Je nach Situation kann man sich damit behelfen, die Bildschirmhelligkeit auf das Maximum zu stellen (zehrt natürlich am Akku), einen Sonnenschutz als Zubehör zu kaufen/selbst zu basteln oder auf die automatische Belichtung des Smartphones/der App zu vertrauen.

5. Systemstabilität
Natürlich hängt die Systemstabilität bei der Medienproduktion mit Smartphones von zahlreichen, unterschiedlichen Faktoren ab: Smartphone-Modell, Betriebssystem, Betriebssystem-Version, App, App-Version etc. Generell kann man jedoch anmerken, dass die Vielseitigkeit des Smartphones als Telefon, Mini-Computer, Video- und Fotokamera, Musikplayer etc. auch dazu geführt hat, dass das Gerät und seine Funktionalität extrem komplex geworden ist, obwohl der Nutzer das meistens nicht wahrnimmt, da die Benutzeroberfläche fast immer sehr einfach und intuitiv gestaltet ist. Je komplexer ein System, desto größer ist die Gefahr von möglichen Komplikationen. Während eine Videokamera (die natürlich auf ihre Weise auch ein sehr komplexes Stück Technik ist) eben einen Hauptzweck hat und darauf ausgerichtet und getestet wurde, ist das bei einem Smartphone nicht der Fall. Beim Smartphone kann es eher sein, dass das Betriebssystem oder die App einen Fehler hat, der in der Fülle der Funktionen des Gerätes und der Komplexität des gesamten Systems einfach übersehen wurde. Ich würde also behaupten, dass eine Videokamera in aller Regel zuverlässiger ist, wenn es um das Aufzeichnen von Video geht. Natürlich kann es auch bei Videokameras zu Fehlfunktionen kommen und im Bereich der Smartphones haben sich bestimmte Geräte/Modelle als zuverlässiger erwiesen als andere. Trotzdem sollte dieser Punkt nicht ignoriert werden.

FAZIT
Die Vorstellung vom Smartphone als Schweizer Taschenmesser für AV-Medienproduktion trifft den Nagel recht gut auf den Kopf: Seine Vielseitigkeit, Kompaktheit und intuitive Nutzbarkeit eröffnen ungeahnte Möglichkeiten auch für weniger Technik-affine Menschen. Es ist schlichtweg fantastisch, was für qualitativ hochwertiger AV-Content heute mit einem einzigen Gerät, das zudem fast jeder jederzeit zur Hand hat, machbar ist. Man sollte sich jedoch bewusst sein, dass das Smartphone gerade in seiner Vielseitigkeit aber eben auch bestimmte Schwachstellen besitzt, weil es eben nicht für den EINEN bestimmten Zweck ausgerichtet und dahingehend nicht “perfektioniert” wurde. Dies sollte jedoch niemanden davon abhalten, sich auf diesem Gebiet auszuprobieren. Wer die Schwächen kennt, kann sie in vielen Fällen umschiffen und die zahlreichen Stärken gewinnbringend ausspielen. Die z.T. rasanten und hoch-kreativen Entwicklungen in diesem Bereich werden es in jedem Fall wert sein, dran zu bleiben.

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