Die Firma Insta360 hatte bereits vor einigen Monaten eine 360°-Aufsteckkamera für iPhones (Insta360 Nano) herausgebracht, nach einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne auf IndieGoGo dürfen sich mit der Insta360 Air nun auch viele Besitzer eines Android-Smartphones über einen recht kostengünstigen Einstieg in die langsam an Fahrt gewinnende Welt der 360°-Kameras freuen.

Im Gegensatz zu eigenständigen 360°-Kameras wie der Ricoh Theta S, der LG 360 Cam oder der Samsung Gear 360 (die zwar jeweils auch immer über eine Companion-App zur besseren Kontrolle verfügen, jedoch zur Not auch ohne diese funktionieren)  kann die Insta360 Air nur zusammen mit einem Android-Smartphone oder per Adapter als Web-Cam an einem Rechner betrieben werden. Sie verfügt weder über einen internen Speicher noch über eine eigene Stromversorgung. Die Insta360 Air besitzt je nach gewähltem Modell einen Anschluss vom Typ Micro-USB oder USB-C. Letzterer wird gerade zunehmend als neuer Verbindungs-Standard etabliert, die allermeisten Android-Geräte im Umlauf besitzen jedoch derzeit noch einen Micro-USB-Anschluss. Die Insta360 Air steckt in einer Schutzhülle aus Gummi, die sich gut um die Kamera schmiegt und die Linsen vor Kratzern bewahrt, wenn man die Kamera transportiert. 

Bevor es losgeht, muss man sich auf jeden Fall noch die Insta360 Air-App aus dem PlayStore herunterladen, um die Kamera zu bedienen. Die Kamera wird direkt auf den jeweiligen USB-Anschluss des Smartphones gesteckt und bietet einem im Aufnahme-Modus drei Optionen: Foto, Video und Video-Livestreaming (z.B. über YouTube). Die aufgenommenen Videos und Fotos werden direkt auf dem Smartphone gespeichert und müssen nicht erst wie bei anderen 360°-Kameras per WiFi übertragen werden. Hier gibt es aber bereits einen ersten gravierenden Kritikpunkt: Die App erlaubt es derzeit noch nicht, Inhalte auf einen externen Speicher (also eine microSD-Karte) zu schreiben, gerade das aber ist ja einer der Vorteile von Android gegenüber iOS. Und speziell bei so speicherintensiven Dateien wie 360-Videos oder -Fotos stößt man dann schnell auf Probleme, wenn einem nur der interne Speicher zur Verfügung steht. Die Entwickler haben jedoch angekündigt, dass die Funktion des Speicherns auf externe SD-Karten per Update noch nachgereicht wird. [NACHTRAG: Mit dem App-Update vom 21. März 2017 ist es nun auch möglich, Aufnahmen direkt auf einer externen SD-Karte für speichern. Falls die Schreibgeschwindigkeit der verwendeten Karte jedoch unzureichend ist, kann es zu Leistungsproblemen kommen.]

Dass man Videos und Fotos gleich direkt auf dem Smartphone hat, ist natürlich insbesondere auch deshalb hilfreich, da das Material bei Bedarf gleich über soziale Netzwerke geteilt werden kann. Man sollte jedoch dabei beachten, dass nicht alle verfügbaren Teil-Optionen tatsächlich die Datei versenden oder direkt die gewünschte Plattform nutzen: Während z.B. YouTube (für Videos) und Facebook (Fotos und Videos) mit interaktiven 360°-Dateien korrekt umgehen können, unterstützen andere Plattformen wie WhatsApp, Instagram oder Twitter interaktives 360°-Material (noch) nicht nativ. Stattdessen wird das Video oder Foto auf die Seite von Insta360 geladen und ein Link generiert, der dann über die entsprechenden Dienste versendet werden kann. Der Empfänger folgt dem Link, um das Foto oder Video im interaktiven Format anzuschauen. Natürlich liegt das Problem grundsätzlich nicht bei Insta360, sondern bei den Plattformen selbst, da diese erst die entsprechende Infrastruktur in ihrem Netz zur Verfügung stellen müssten. Insta360 präsentiert deshalb eine Notlösung, aber wer sein Material nicht auf deren Server wissen will, der sollte auf bestimmte Teiloptionen verzichten, auch wenn es zunächst danach aussieht, als könnte man die Datei direkt über die gewünschte Plattform teilen. Es besteht allerdings alternativ die Möglichkeit, das Video oder Foto in einem anderen, nicht-interaktiven Format (“Little Planet”) direkt zu versenden, ohne den Umweg über die Seite von Insta360 zu gehen. Ein Manko bleibt dagegen leider, dass die Teilen-Funktion anscheinend nicht auf installierte Dateitransfer-Apps wie z.B. SendAnywhere zugreift, damit man die Datei gegebenenfalls schnell und bequem über WiFi an einen Rechner schicken kann, um dort mit ihr weiterzuarbeiten. Man muss dazu erst umständlich die Datei in die Galerie exportieren (da die Dateien zunächst alle intern in der App und nicht in der Android-Galerie gespeichert werden) und kann sie von dort aus über SendAnywhere oder eine ähnliche App versenden. Allgemein wäre es nach dem Aufnehmen von Videos auch noch sehr hilfreich, wenn man zumindest eine simple Trimfunktion zur Videobearbeitung hätte, um unerwünschte Teile am Beginn oder am Ende herauszuschneiden, bevor man das Video teilt. Auch das haben die Entwickler allerdings für ein zukünftiges Update der App zugesagt. Immerhin gibt es für Android bereits zwei durchaus brauchbare Videoschnitt-Apps für 360°-Videos, mit denen sich das Material der Insta360 Air nach erfolgtem Export in die Galerie bearbeiten lässt. Beide Apps befinden sich allerdings noch in der Beta-Phase, können aber trotzdem schon aus dem PlayStore geladen werden: “Collect” und “V360”.

Was die Bildqualität angeht, so schlägt sich die Insta360 Air für den günstigen Preis (im Rahmen der IndieGoGo-Kampagne 99 US-Dollar, im offenen Verkauf nun um die 150€) wirklich respektabel. Klar kann sie nicht mit hochwertigeren Kameras wie Samsungs Gear 360, Nikons Keymission 360 oder gar einem GoPro-Omni-Rig mithalten, aber diese kosten nun einmal auch wesentlich mehr (wobei die Gear 360 zuletzt stark im Preis gefallen ist). Mit den (immer noch teureren) Einsteiger-360°-Kameras von Ricoh und LG ist die Insta360 Air jedoch auf Augenhöhe, zumindest im Video-Bereich. Während die etwa 3x so teure Ricoh Theta S in Sachen Fotoauflösung zwar deutlich im Vorteil ist (max. 5376 x 2688 vs. 3008 x 1506 Pixel), geht die Insta360 Air beim Video (max. 2560 x 1280 vs. 1920 x 1080 – einige wenige Android-Modelle sollen sogar eine noch etwas höhere Videoauflösung ermöglichen) sogar als Sieger hervor. Es gab allerdings auch ein paar Fälle, in denen im Video kleinere Fragmente/Bildstörungen auftauchten. Bei Gelegenheit werde ich demnächst noch ein paar Samples verlinken oder einbetten.

Je nachdem, für welchen Zweck und in welcher Situation man eine 360°-Kamera einsetzt, ist die direkte Verbindung der Insta360 Air via eines Steckers mit dem Smartphone eher von Vorteil oder Nachteil gegenüber eigenständigen Kameras wie der Theta S, der LG Cam 360 oder der Gear 360, die man per WiFi vom Smartphone aus fernsteuert, ohne dass diese über einen Stecker miteinander verbunden sind. Wer hauptsächlich im “Selfie-Style” produzieren will, also Material, in dem man auch selbst im Bild zu sehen ist, für den ist die Insta360 Air genau richtig. Wer dagegen hauptsächlich Inhalte produzieren will, bei denen er selbst nicht im Bild zu sehen ist und trotzdem ständig die Kontrolle über das Bild hat, der ist mit einer eigenständigen 360°-Kamera inklusive WiFi-Steuerung besser bedient.

Die manuellen Einstellmöglichkeiten des Bildes über die App sind sehr begrenzt und orientieren sich eher am Socialmedia-Nutzer mit Fun-Faktor als am Video- oder Fotoprofi, was aber angesichts der Zielgruppe dieses Produktes ja auch völlig ok ist. Die Übersichtlichkeit der Optionen ist für Neulinge wahrscheinlich sogar eher ein willkommener Vorteil, da man schnell und einfach damit zurecht kommt. Im Foto-Modus gibt es zahlreiche Live-Filter, einen Timer für die Selbstauslösung sowie die Möglichkeit, den Belichtungswert nach oben oder unten zu ändern (allerdings keine ISO-Werte oder Verschlusszeiten). Im Video-Modus gibt es ebenfalls Live-Filter, einfache Belichtungskorrektur sowie die Möglichkeit, eine von zwei Videoauflösungen (2560×1280 oder 1920×960) zu wählen. Im Livestreaming-Modus lässt sich schließlich die Streaming-Platform, die Bitrate und die Auflösung wählen. Farbbalance/Weißabgleich läuft in allen Modi automatisch und kann nicht beeinflusst werden.

Positiv ist hervorzuheben, dass die Benutzung eines externen Mikrofons (z.B. eines smartLavs von Rode) über die 3,5mm-Klinke möglich ist, da die App dann diesen Audio-Input automatisch anzapft. Der Ton eines Videos ist prinzipiell eine wichtige Sache (soweit der Fokus nicht auf einer untertitelte und/oder “stummen” Version für SocialMedia liegt) und deshalb ist die Option für die Verwendung eines externen Mikros sehr willkommen. Benutzt man kein externes Mikro, dann hatte ich beim Ton öfter einmal kleinere Aussetzer während des Videos. Solange man nur unspektakuläre Umgebungsgeräusche hat, ist das nicht übermäßig problematisch. Wer jedoch etwas live zum Video erzählt, der bevorzugt sicher einen saubereren Ton.

Insgesamt lässt sich auf jeden Fall sagen, dass die App von der Benutzeroberfläche her sehr intuitiv und schick gestaltet ist. Allerdings muss an dieser Stelle nun auch das mit Abstand größte Problem benannt werden, dass sich mir bei der Benutzung der Insta360 Air offenbarte und das für jede Menge Frust sorgte: Die Zuverlässigkeit und Stabilität der App lässt (noch) sehr zu wünschen übrig – zumindest war das bei meinen drei Android-Test-Geräten zu beobachten. Fairerweise muss gesagt werden, dass eigentlich nur zwei davon wirklich zählen, da das Sony Xperia M2 mit seinem Snapdragon 400 SoC (System-on-a-Chip) nicht die Anforderungen an die Hardware erfüllt, die Insta360 selbst vorgibt. Genauere Informationen zu den mit der Insta360 Air kompatiblen Android-Geräten finden sich hier auf der Seite von Insta360 und sollten UNBEDINGT konsultiert werden, bevor man sich die Kamera kauft! Als offiziell kompatible Testgeräte blieben mir deshalb ein LG V10 (mit Snapdragon 808 und Android Marshmallow) sowie ein Lenovo Moto G4 Plus (mit Snapdragon 617 und Android Nougat). Leider stellte sich schnell heraus, dass die App zur Bedienung der Insta360 Air sehr häufig hängen bleibt, abstürzt oder Fehlermeldungen produziert. Während man mit dem V10 immerhin noch eine Chance von gefühlten 50% hat, dass die App funktioniert, scheint es beim G4 Plus ein reines Glücksspiel zu sein und die App funktioniert weitaus häufiger nicht als dass sie funktioniert. Die Tatsache, dass das Ganze mit dem V10 immerhin wesentlich besser klappt (wenn auch keineswegs gut), legt die Vermutung nahe, dass die Leistungsfähigkeit des Chipsets eine Rolle spielt. 360°-Videos verlangen dem Chip eine Menge Rechenleistung ab und es scheint mir durchaus möglich, dass die Insta360 Air bzw. die App bei  Smartphones mit den neuesten Top-Chips von Qualcomm (Snapdragon 820/821/835) oder einem entsprechenden Äquivalent (z.B. Samsungs Exynos 8890 im S7/S7 Edge) wesentlich besser, vielleicht sogar prinzipiell absolut zuverlässig funktionieren. Der Snapdragon 808 des V10 war zwar schon bei der Veröffentlichung des Gerätes nur der zweitleistungsfähigste Chip von Qualcomm (LG traute dem eigentlichen Top-Chip 810 wegen diverser Überhitzungsprobleme in anderen Geräten nicht recht und verbaute deshalb den SD 808), doch wenn selbst die 600er-Serie von Insta360 noch offiziell als kompatibel ausgegeben wird, hätte ich mir schon eine weitaus zuverlässigere Performance im Zusammenspiel mit dem Snapdragon 808 erwartet.  Andererseits kann es natürlich auch sein, dass die App noch nicht vollkommen ausgereift oder optimiert ist. Für Letzteres könnte sprechen, dass die Probleme oft schon beim Starten der Kamerafunktion auftreten, noch bevor die Aufnahme überhaupt begonnen wurde. Möglicherweise beansprucht aber auch die Vorschau den Prozessor bereits dermaßen stark, dass sich weniger starke Chipsets daran “verschlucken”. Mitunter kommt es auch vor, dass die App zwar normal läuft, die Verbindung zur Kamera jedoch plötzlich abbricht und eine Fehlermeldung erscheint. Wenn man mit der Kamera einfach nur ungezwungen herumspielen will, dann nimmt man die Schwierigkeiten vielleicht noch locker und freut sich einfach über die guten Ergebnisse, wenn es klappt. Auch macht die Verwendung der Insta360 Air grundsätzlich eine Menge Spaß. Wer aber darauf baut, dass er sich zu einem bestimmten Zeitpunkt auf die Kamera verlassen können muss, der sollte genügend Zeit für Stoßgebete an den Technikgott oder gute Nerven mitbringen. [NACHTRAG: Ich habe festgestellt, dass die App wesentlich zuverlässiger funktioniert, wenn man die Kamera erst ganz am Ende nach dem Aktivieren der Live-Vorschau in der App auf das Smartphone steckt und nicht schon vorher. Prinzipiell kann man sie jedoch auch vor dem Öffnen der App verbinden, die App wird dann automatisch gestartet.]

Abschließend lässt sich sagen: Wenn sie funktioniert, dann ist sie super! Die Insta360 Air ist ein cooles Gadget, das für viele ein kostengünstiger Einstieg in die spannende Welt der 360°-Videos und -Fotos sein kann und für den Preis eine erstaunliche Qualität (vor allem im Video-Bereich) bietet. Auch die App ist vom Design her gut gelungen. Neben einigen fehlenden Features wie z.B. der Möglichkeit, Videos und Fotos auf die externe SD-Karte des Smartphones zu schreiben oder Videos zu schneiden (die wohl noch mit Updates nachgeliefert werden) ist das gravierendste Problem die fehlende Stabilität und Zuverlässigkeit der App im Zusammenspiel mit der Kamera – zumindest was die Tests mit meinen zwei Testgeräten, dem LG V10 und dem Lenovo Moto G4 Plus, angeht. Es bleibt die Hoffnung, dass das App-Kamera-Tandem bei noch leistungsfähigeren Smartphones wesentlich besser funktioniert oder – das wäre natürlich die bessere Variante – das Zusammenspiel durch App- oder Firmware-Updates so optimiert werden kann, dass man die Insta360 Air auch mit Geräten unterhalb der absoluten Flaggschiff-Klasse zuverlässig nutzen kann.

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